Ist es Aufgabe der Menschheit, sich fortzupflanzen?

Im folgenden ein Auszug aus dem Theaterstück „gruene kriege“ von lunatiks produktion. Der Text beruht auf einem Interview mit einer Frau, die sich eine ganz ähnliche Frage wie VHEMT (vgl. den Blog-Beitrag http://ohneuns.org/?p=439) stellt.

„Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem fünf Mädchen auf der Treppe sitzen, jede mit Puppenwagen vor sich. In der Mitte ich. Wir haben Mütter gespielt, und ich bin die einzige, die eine Hose anhat. Mit einer von den Mädchen, mit Lara, habe ich später studiert, Journalismus in Freiburg. Das heißt, sie hat studiert, und ich bin meistens spazieren gegangen, im Schwarzwald, an der Dreisam. Oft haben wir die ganze Nacht auf dem Balkon gesessen und gequatscht. Über alles. Warum die Welt so ist, wie sie ist.

Lara ist dann im dritten Semester schwanger geworden. Sie hatte eine stark intellektuelle Seite, aber als das Kind da war, hat sie das hinten angestellt. Es war nicht so, daß ich von Anfang an gegen dieses Projekt war. Aber ich habe es nicht verstanden, warum Verabredungen plötzlich so kompliziert sind, daß man alles daran ausrichten muß, wann das Kind schlafen muß und wann das Kind essen muß. Ich hab das richtig persönlich genommen und gesagt, das muß man doch auch mal einen Tag hinten anstellen können. Wenn wir uns gesehen haben, waren die Gespräche so unkonzentriert, weil das Kind ständig Aufmerksamkeit braucht. Bei mir ist das so, als würde parallel der Fernseher laufen, ich kann dann den Gedanken nicht weiterführen. Wenn der Mittagsschlaf nicht lange genug war oder die Kekse zuhause vergessen wurden, wird das Kind quengelig, und dann herrschte sofort schlechte Laune. Als ich das mal angeschnitten habe im Café, ob wir nicht vielleicht trotzdem jetzt rausgehen können und das Kind dann eben mal etwas anderes ißt, sagte mir Lara ins Gesicht, daß ich das eben nicht verstehen kann und eben inkompetent bin. Nur weil ich keine Kinder bekommen wollte.

Reproduktion, diese Idee, daß der Sinn darin bestehen soll, das bestehende immer wieder zu wiederholen, jemanden sein eigenes Leben aufbrummen, das finde ich einen entsetzlich fahlen Gedanken. Kinder muß man immer erziehen, ihnen irgendwas weitergeben, von dem man glaubt, das wäre wichtig oder weil man denkt, man könnte das besser. Deswegen mag ich es auch nicht,wenn ich mich in der Redaktion um die Assistenten kümmern soll.

Seit ich 30 bin, werde ich ständig gefragt, von Freundinnen oder Kolleginnen. Ob ich eigentlich keine Kinder will und warum nicht. Ich finde das unmöglich, es fragt mich ja auch niemand, warum ich nicht Bäckerin geworden bin. Ich hab dann gesagt, hat sich noch nicht ergeben, ich hab grad nicht den passenden Mann dazu. Natürlich sind die anderen auch ein bißchen neidisch, daß man abends einfach weggehen kann, auch auf meine wechselnden Männergeschichten, und daß man machen kann, was man will.

Im Beruf wäre ein Kind auch eher hinderlich. Ich habe das Gefühl, daß ein Kind bei mir verwahrlosen würde, ich würde es nicht schaffen, für das Kind regelmäßig zu kochen, weil ich es schon schwierig finde, für mich selbst zu kochen. Das würde mich eher depressiv machen, wenn ich in so eine Regelmäßigkeit reingezogen würde durch ein Kind.

Vor ein paar Jahren hat mein Vater mich gefragt, warum ich eigentlich keine Kinder will, weil er wohl wissen wollte,ob er selbst etwas falsch gemacht hat, weil meine Eltern auch getrennt sind, oder er ein schlechtes Vorbild gegeben hat.

Als wir Kinder waren, hat mein Vater keinen Unterschied gemacht, ob ich ein Mädchen bin oder nicht. Er ist mit mir zum Technikmuseum gefahren oder hat mir beim Handwerken alles gezeigt. Ich glaube da sowieso nicht dran, daß es natürliche Frauen- und Männersachen gibt. In unserer fortgeschrittenen Gesellschaft finde ich es komisch, von etwas als natürlich zu sprechen. Bei Sportlern hat sich diese Frage ja neulich auf eine total interessante Weise gestellt, ob diese Läuferin jetzt eigentlich bei den Frauen laufen darf.

Klar, es gibt die körperlichen Vorgänge, bei der Menstruation signalisiert der Körper überdeutlich, daß er fruchtbar ist, daß er bereit ist. Einmal ist für ein ganzes Jahr die Regel bei mir ausgeblieben. Wahrscheinlich habe ich auch zu wenig gegessen zu der Zeit, aber es war auch eine Verweigerungshaltung. Wenn ich mit Männern zusammen war,habe ich immer sehr darauf geachtet zu verhüten. Ich stelle mir immer den Schmerz vor, wenn so ein Kind durch diesen relativ engen Geburtskanal rauswill, diese wahnsinnige Körperlichkeit, daß man nur dieser Fleischhaufen ist, der diesen kleineren Fleischhaufen aus sich rauskriegen muß und daß das außerhalb meiner Kontrolle ist, finde ich unangenehm. Diese angebliche Natürlichkeit, wenn ich schwanger bin und ich muß zu einem Arzt gehen, der mir dann erklärt, was in mir passiert, daß ich Stillbücher lesen muß, daß ich meine Brustwarzen beobachten soll, ob das noch ok ist oder nicht. Daß man sich diese Natürlichkeit so anlesen muß.

Ich war mit einem Mann zusammen, der, während wir zusammen waren, ein Kind bekommen hat von einer anderen Frau. Das hat mich ganz schön durcheinander gebracht, weil ich gemerkt habe, daß er zu diesem Kind so eine starke Beziehung hat, und er sich letztlich dafür entschieden hat, dort zu sein, wo das Kind ist und das schwerer als unsere Liebe wiegt. Die andere Frau und er waren gar nicht zusammen. Aber das konnte niemand glauben, der die drei zusammen gesehen hat. Weil dieses Bild von Familie, diese Trinität, so tief in uns drinsitzt, als ob das etwas Natürliches wäre. Da habe ich gedacht, jetzt lasse ich mir von ihm auch ein Kind machen. Vielleicht bist du zu hart zu dir, vielleicht verpaßt du was, du bist doch dann nicht plötzlich eine ganz andere Person, sei doch nicht so verkrampft.

Man bekommt zur Zeit immer diese Mails mit den Babyfotos, wenn irgendwer ein neues Kind bekommen hat. Ich habe dann auch eine Mail rumgeschickt mit dem Foto meiner Mitbewohnerin und habe dazu geschrieben: »Endlich ist sie da, meine neue Mitbewohnerin. Ich weiß, diese Visage sagt euch nichts, aber ihr habt euch gefälligst auch zu freuen.«

Wenn’s mir schlecht geht, würde ich niemals meine Eltern anrufen. Meine Mutter war eher wie eine Freundin. Als Jugendliche hatte ich die Vorstellung, daß eine Mutter dazu da ist, einen zu trösten und zu verstehen. Sie war aber eher mit sich beschäftigt, weil sie in ihrem Leben immer etwas Künstlerisches machen wollte, sich aber nie getraut hat. Ich habe oft zu meinen Eltern gesagt, dann laßt euch doch einfach scheiden.

Ich mag es, wenn etwas zu Ende geht. Wenn ein Projekt in der Redaktion vorbei ist oder eine Freundschaft.Auch daß der Tag irgendwann zuende ist, das finde ich so großartig. Daß man sagen kann: »Ich gehe jetzt schlafen.« Auch daß ich irgendwann verschwinde und von mir nicht so viel übrig bleibt.

Deswegen bin ich auf diesen schönen Gedanken gekommen, daß vielleicht der Höhepunkt der Menschheit erreicht ist, und daß wir langsam auch wieder verschwinden könnten. Daß wir jetzt mal anderen Spezies die Erde überlassen. Also krieg ich bewußt keine Kinder, um da so ein sanftes Ende zu machen. Dafür  habe ich vor drei Jahren „happy end“ gegründet. „Happy end“ ist eine Organisation mit inzwischen über tausend Mitstreiterinnen, die sich dieses Verschwinden zur Aufgabe gemacht hat. Das würde ja eine Weile dauern, bis die Menschen verschwunden sind. Der Bewußtseinswandel, bis alle dazu bereit sind, auf Kinder zu verzichten. Es könnte sich auch evolutionär entwickeln, daß es auf einmal uninteressant ist, Sex zu haben oder daß Frauen unfruchtbar werden.

Meine Mutter und ich sind jetzt zusammen verreist nach Island. Man steht dann am Rand von diesen Kontinentalplatten und hat das Gefühl, daß man in Island an den Anfang der Welt kommt. Die Lava sieht aus wie ein Teig, der gerade erstarrt ist. Das war kolossal. Meine Mutter und ich, wir standen dann auf einem Berg und haben uns umarmt. Ich finde das beruhigend, daß die Menschen da alle hinfahren und das sehen wollen. Also daß wir Viecher sind, die sich dafür so interessieren. Dann stehen hundert Leute um einen Geysir herum und rufen »Hurra«, wenn der spuckt. Und man hat das Gefühl, daß die Erde sich bei jedem Röcheln ein bißchen über uns lustig macht.“

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