Welt ohne Elektrizität

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Wofür brauchen wir Elektrizität? Diese Frage kenn der zivilisierte Mensch des 21.Jahrhunderts so richtig erschöpfend eigentlich erst beantworten, wenn er einmal das Szenario eines Stromausfalls, das  vielleicht gleichzusetzen ist mit apokalyptischen Vorstellungen anderer Kulturen, am eigenen Leibe hat miterleben müssen. Elektrizität, dieses polarisierende, unsichtbare Gut, dessen Vorhandensein sich im Grunde nur in Stromrechnungen und ungeliebten Kraftwerken, Windparks, Überlandleitungen und Brennstäben äußert, dessen plötzliches Nichtvorhandensein unsere Zivilisation aber binnen weniger Minuten… an den Rand des Untergangs zu treiben scheint – dieser unsichtbare Nährstoff unserer Gesellschaft ist, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht – wesentliche und ganz und gar unabdingbare Grundlage für unseren Lebensstandard! Unsere ganzen Alltagsgeräte, die Leuchtreklamen,  die Industrien, die Beleuchtung unserer Straßen, die Computer, die Telekommunikation und alle anderen mehr oder weniger nützlichen Dinge, die uns das tägliche Leben erleichtern basieren auf dieser simplen Tatsache, dass es chemische Elemente mit beweglichen Elementarteilchen, eben den Ladungsträgern, gibt. Alles weitere ist einfach: Man nimmt irgendeinen Stoff mit hoher Energiedichte, beispielsweise Steinkohle oder angereichertes Uran, setzt diese Energie frei, wodurch Wärme entsteht, erzeugt mithilfe dieser Wärme Wasserdampf, schickt den Dampf durch eine Turbine, die sich dadurch dreht und ein magnetisches Feld erzeugt, das die freien Ladungsträger in Bewegung setzt.  Überzieht man jetzt noch den Globus mit einem Geflecht von Metalldrähten und entwickelt ein paar Geräte, die sich damit betreiben lassen, dann ist die Sache fertig und die Welt wird eine andere. Es ist schon genial was wir da gebaut haben!

Nehmen wir jetzt mal an – rein hypotetisch 😉 – die Menschen wären plötzlich weg. Niemand würde die Kessel mehr mit Kohle füttern, niemand mehr die Brennstäbe austauschen, das ganze würde vielleicht noch ein paar Tage weiterlaufen, bis es an irgendetwas mangelt, oder irgendwo ein Fehler auftritt (und das geschieht verdammt häufig!) – doch plötzlich wäre Schluss. Hier und da setzt vielleicht ein Notstromaggregat ein, hält ein paar Räume auf Temperatur, oder speist ein Notbeleuchtungssystem, doch im großen und ganzen wird es ruhig – und dunkel. Keine weit in den Weltraum strahlenden Metropolregionen mehr, keine dampfenden Kühltürme kein allgegenwärtiges 50-Hertz-Summen mehr, keine Radiowellen, keine trauten Zufluchtsorte in der Dunkelheit der Straßenschluchten. Unser nicht mehr vorhandenes Auge schweift über die Landschaft und sucht nach Veränderung. Nachts, gewiss, da ist es plötzlich ganz anders, doch tagsüber fällt der Unterschied bei geschickter Wahl des Standorts eigentlich nicht auf. Doch wie so oft gehen die großen Veränderungen langsam vonstatten.  Ganz allmählich, ohne das wir es sofort gewahr werden, wird die Ebene zu unseren Füßen feuchter, die Flüsse werden breiter, auf tieferliegenden Wiesen und Äckern bilden sich flache Fützen und die erdbewohnenden Tiere suchen höhergelegenes Terrain auf. Was kaum merklich an einigen kleinen Stellen begonnen hat, breitet sich wie eine Seuche nach und nach über die gesamte Fläche bis zum Horizont aus. Das Wasser steigt und steigt in vollkommener Stille. Keine Massenevakuierung, keine Sandsäcke, keine Helikopter. Als wäre es das natürlichste von der Welt, versinkt eine ganze Region im einem endlos sich erstreckenden See. Irgendwann ragen nur nur noch die einstigen Landmarks aus den Fluten, als gelte es hier irgendwen an irgendwas zu erinnern. 

Wie groß wäre manchem die Genugtuung, könnte er zusehen wie sich die Natur hier einen ganzen Landstrich „zurückerobert“. Und um wievieles größer wäre sie noch, wenn es sich bei dem was da versinkt um den Inbegriff menschlicher Natureroberung handelte, sagen wie – das Ruhrgebiet, oder die Küstenregion der Niederlande.

Diese und manche andere Region verdanken ihre Existenz einem ausgeklügelten System aus Entwässerungsgräben, Rückhaltenbecken, unterirdischen Entwässerungsstollen und – einer ganzen Reihe Pumpstationen. Das Ruhrgebiet hat sich in mehreren Jahrzehnten intensiven Bergbaus so stark abgesenkt, teilweise um 20 Meter!, dass große Flüsse plötzlich falschherum fließen und ähnlich einem Kanal zwischen hohen Deichen durch das Land geführt werden müssen. Kleinere Bäche werden in die großen Flüsse hochgepumpt, für Starkregen existieren riesige unterirdische Wasserbassins und das System muss ständig ertüchtigt werden, denn das land senkt sich unaufhörlich weiter. Jedes Jahr nehmen 900 Millionen Kubikmeter Wasser den Weg durch die Pumpen, das entspricht etwa dem Wasserverbrauch aller privaten Haushalte in Nordrhein-Westfalen.

WIE fest wir unsere Umwelt im Griff haben, wie sehr wir von unseren ganzen Erfindungen abhängig sind, und wie unmöglich es, bei Lichte besehen, ist, dieses System bis in alle Ewigkeit aufrecht zu erhalten, das offenbart sich so richtig erst an solchen Szenarien, die andererseits auch sehr eindrucksvoll zeigen, dass eine Welt ohne uns ungemein spannend dramatisch und keineswegs ruhig und friedlich wird.

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