Welt ohne uns – Eine Utopie?

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Ja, diese Frage sollte man sich durchaus einmal stellen. Denn, was ist eine Utopie? Nicht erst seit Thomas Morus existiert dieses einzigartige Gedankenkonstrukt als literarische Gattung. Die Überlieferung gesteht Platons Kritias die Rolle des ersten Utopisten zu, obgleich man wohl davon ausgehen sollte, dass utopisches Denken sehr viel älter ist, etwa so alt wie die Menschheit selbst. In den Anfängen vollkommen Eins mit mythologischem Gedankengut, tritt es mit geradezu erstaunlicher Kontinuität… in der Geistesgeschichte aller Kulturen in Erscheinung, wird in verschiedenster Weise künstlerisch und gedanklich verarbeitet und ist uns so wechselweise als Traum, Reisebericht, Sage, Gemälde, als symbolische Darstellung in der bildenden Kunst und dergleichen mehr überliefert. Und wie es so zu gehen pflegt, entstehen über die Zeit in mindestens gleicher Zahl wie die Utopien selbst, Versuche, dieses Phänomen zu fassen, zu definieren und zu deuten. Dabei ist der Kerngedanke aller Utopie immer derselbe: Beschreibung eines idealen, zur Zeit aber nicht erreichbaren, Zustands einer Gesellschaft, in dem alle derzeit existierenden Probleme und Misssstände behoben sind, und die Menschen in Frieden und Eintracht leben. Ganz wichtig – auch wenn manche Kollegen des letzten Jahrhunderts das in ihrem Modernitäts- und Fortschrittswahn zuweilen etwas aus den Augen verloren haben – ist der Aspekt des ou-topos, des Nicht-Verortetseins. Die Utopie kann als Ziel angestrebt werden, sie kann allegorisch oder Symbolhaft dargestellt werden, aber es ist per definitionem unmöglich und vom Verfasser oftmals überhaupt nicht gedacht, sie Gestalt gewinnen zu lassen. Aber eben diesem Missverständnis haben wir manches Regime, manche Katastrophe und einen Großteil unserer geliebten neueren Stadtbaugeschichte zu verdanken – mit den bekannten Folgen. Besonders gefährlich wird es, wenn im Eifer des Gefechts, die kleine Schwester der Utopie, die Dystopie – die als genaues Gegenteil, das Bild eines katastrophalen zukünftigen Gesellschaftszustands, wie er unter Beibehaltung problematischer Trends eintreten würde, malt – als vermeintliche Utopie zur Umsetzung gelangt. Klingt hirnrissig, soll aber in nicht allzu geringem Umfang schon geschehen sein.

Man sieht also: Utopisches Denken ist nicht ganz ungefährlich und sollte per Gesetz mit einer Kennzeichnungspflicht versehen werden. Zum Beispiel: „Vorsicht utopisch! Von Architekten und Stadtplanern fernhalten.“ (Für andere menschliche Gattungen sinngemäß.)

Aber im Ernst: Ist es nicht durchaus sinnvoll, einmal zu fragen, wie es sich mit der Fiktion einer „Welt ohne uns“ in Bezug auf utopisches Denken verhält? Manch einer mag das vielleicht nicht für nötig halten, ist die Sache doch scheinbar ganz einfach: Eine Welt ohne Menschen, das kann keine Utopie, kein anzustrebender idealer Gesellschaftszustand sein! Vielmehr setzt die Idee im Grunde die größte überhaupt nur vorstellbare Katastrophe – die vollständige Auslöschung der Menschheit – voraus. „Wehe, wehe, wenn wir so weitermachen wie bisher, wird es uns bald nicht mehr geben!“ Klassischer Fall einer Dystopie also – oder nicht? Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Art und Weise zu werfen, wie die „Welt ohne Menschen“ gedacht wird. Denn da ist die Rede von der Natur, die sich alles zurückerobert, den Ökosystemen, die sich erholen, da ist die Rede von Pflanzen, die aus jeder Ritze sprießen, von Vögeln, die in geborstenen Fenstern singen und von einem unendlich kraftvoll Lebendigen, das alles von uns Festgefügte durchdringt. Und indem wir dies denken, dürfen wir, obwohl es eigentlich unmöglich ist, an diesem Vorgang teilhaben, uns der Betrachtung hingeben und uns an dem reinen Wirken der natürlichen Kräfte erfreuen. Und da ist die wieder: Die vielleicht älteste Utopie der Menschheitsgeschichte! Nennen wir sie Arkadien, goldenes Zeitalter, Paradies, Garten Eden, Nova Atlantis oder Ökotopia. Es ist die Vorstellung eines Idealen Naturzustands, eines Lebens im Einklang mit der Natur, zu dem es zurückzufinden gilt. Was bei Vergil noch in abgeschiedener Gebirgslage möglich scheint, siedelt Francis Bacon schon jenseits des Meeres an, und wir schließlich haben es soweit gebracht, dieses Ideal nur noch in einer Welt ohne Menschen denken zu können. Aber: Wir denken es und werden es immer denken! Und es wird unser handeln beeinflussen. Nicht zuletzt, weil es uns das beruhigende Gefühl vermittelt, trotz aller Umweltzerstörung und Zähmung der Naturgewalten doch nicht mehr zu hinterlassen als diese eine Inschrift: Et in Arcadia ego.

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