Wenn die ordnende Hand fehlt…

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Georges Leclerc Comte du Buffons schildert 1764 in seiner Histoire naturelle eine wilde, ungezämte Landschaft, wie sie entsteht, wenn der menschliche Einfluss fehlt. Und er tut das, was im vierten Akt so eindrucksvoll gelungen ist: Er zeichnet ein Bild, das sich tief einprägt, und ein Begreifen, nicht in rational- naturwissenschaftlichen Sinn, sondern auf emotionaler Ebene ermöglicht. Die folgende Episode war als Schreckensbild der wilden Natur gedacht, das die Notwendigkeit menschlichen Eingreifens einleuchtend erscheinen lassen sollte. Doch ohne es beabsichtigt zu haben, zeichnet du Buffons hier das Bild einer Landschaft, die vom Menschen verlassen wurde. Denn was er beschreibt ist keineswegs die unberührte Urnatur, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Übernutzung durch ungeregelte Forst- und Weidewirtschaft. Mit der Zeit unfruchtbar geworden, blieben diese Flächen vielerorts sich selbst überlassen und es begann der zugegebenermaßen etwas ungeordnete Rückeroberungsprozess der Natur, den du Buffons freilich nie als solchen bezeichnet hätte. Für uns ist es jedoch ein wertvolles Zeugnis der Naturwahrnehmung im 18. Jahrhundert und vielleicht eine unterhaltsame Anregung für Akt V.

 

„Dort liegt ein wüster Erdstrich, eine traurige, von Menschen nie bewohnte Gegend, deren Höhen mit dichten schwarzen Wäldern überzogen sind. Bäume ohne Rinde, ohne Wipfel, gekrümmt, oder vor Alter hinfällig und zerbrochen; andere in noch weit größerer Zahl an ihrem Fuße hingestreckt, um auf bereits verfaultem Holzhaufen zu modern, – ersticken und vergraben die Keime, die schon im Begriff waren hervorzubrechen. Die Natur, die sonst überall so jungendlich glänzt, scheint hier schon abgelebt. Die Erde mit den Trümmern ihrer eigenen Produkte belastet, trägt Schutthaufen anstatt des blumigen Grüns, und abgelebte Bäume, die mit Schmarotzerpflanzen, Moosen und Schwämmen, den unreinen Früchten der Fäulnis , beladen sind. […] Sümpfe, die mit übelriechenden Wasserpflanzen bedeckt sind,ernähren nur giftige Insekten, und dienen unreinen Tieren zum Aufenthalt. Zwischen diesem Morästen und den verjährten Wäldern auf der Höhe, liegt eine Art Heiden und Gräsereien, die unseren Wiesen in Nichts ähnlich sind. Die schlechten Kräuter wachsen dort über die guten hinweg und ersticken sie. Es ist nicht der feine Rasen, den man den Flaum der Erde nennen könnte, nicht eine beblümte Aue, die ihren glänzenden Reichtum von fern her verkündigt; es sind rauhe Gewächse, harte stachlichte, durch einander geschlungene Kräuter, die nicht sowohl fest gewurzelt, als unter sich verwirrt zu sein scheinen, nach und nach verdorren, einander verdrängen und eine grobe, dichte und mehrere Schuhe dicke Watte bilden.  Keine Straße, keine Gemeinschaft, nicht einmal die Spur von einem verständigen Wesen zeigt sich in dieser Wüstenei.“

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