WOU versus HPNV – Wenn Welten aufeinander treffen

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WOU – das ist die Welt Ohne Uns – drei Worte (für Insider nur drei Buchstaben) die den Sachverhalt schon fast erschöpfend schildern. Ein Gedankenspiel aus der literarisch-künstlerischen Ecke an dem sich jeder nach Herzenslust beteiligen kann! Und HPNV? – steht für „Heutige potentielle natürliche Vegetation“ und ist ein Begriff aus der – sagen wir – Ökologie. Laut Lehrbuch bezeichnet er den Zustand der Vegetation, der sich einstellen würde, wenn der Einfluss des Menschen heute aufhören würde – aha! Soweit der Idee von einer Welt ohne uns nicht ganz unähnlich. Allerdings aus einer ganz anderen Ecke stammend. Ist es der Versuch, die Welt Ohne Uns auf wissenschaftlichem Wege zu denken? Tatsächlich ist dieser Begriff sehr wandlungsfähig, lässt sich für unterschiedlichste Intentionen gebrauchen und es wurde damit schon sehr viel Unsinn angestellt. Nur zu einem Zweck taugt er ganz und gar nichts: Die Welt ohne uns zu beschreiben! Das Mag zunächst paradox erscheinen, doch ein Blick auf die Entstehungsgeschichte hilft, die tiefere Funktion dieses Konstruktes zu verstehen. Seine Wurzeln sind mehr ideologischer denn ökologischer Natur. Im Zuge der Reichsautobahnplanung wurde der Pflanzensoziologe Rheinhold Tüxen (der später auch in Hannover lehrte) damit beauftragt,die Vegetation entlang der künftigen Autobahntrassen zu kartieren, um daraus auf die Boden- und Klimaverhältnisse schließen zu können. So sollte eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für eine „naturgemäße deutsche Bepflanzung“ gefunden werden. In einigen Jahrzehnten sollten die Autobahnen dann von Alleen gesäumt sein, die in ihrer Artenzusammensetzung dem natürlichen Zustand der Landschaft entsprächen. Ideologie pur! In der Nachkriegszeit mutierte das Ganze dann zu einem Beurteilungsinstrument für das wirtschaftliche Ertragspotential einer Fläche, um sich dann mit erstarken der Naturschutzfraktion zum Maßstab naturschutzfachlichen Handelns zu mausern. Bis die Idee selbst in Gärten und öffentliche Grünanlagen Einzug hielt! Spätestens hier hätte man einige Fragen stellen müssen: Was ist denn eigentlich „natürlich“? Ist der Mensch nicht natürlich? Was fehlt um dieses „Potentielle“ zu erreichen? Stehen wir im Weg? Wann ist dieser Zustand erreicht? Bleibt er anschließend so? Welcher räumliche Maßstab ist bei der Beurteilung anzusetzen? HPNV auf einer Betonplatte?

Aber man hat diese Anstrengung nicht ernsthaft unternommen und so brachte jeder neue Versuch dieses Konstrukt plausibel zu handhaben nur noch mehr Verwirrung in die Angelegenheit mit der Folge, das das Konstrukt heute ziemlich in Misskredit geraten ist. Nun könnte man das als Anekdote, als belanglosen Disput unter Fachleuten abtun, würde sich hierin nicht ein ganz grundlegendes Problem unseres Wissenschaftsverständnisses widerspiegeln. Unsere Wissenschaft kennt genau zwei Möglichkeiten, sich einer Frage zu nähern: Entweder induktiv, indem von einem (im Idealfall mehreren) empirisch untersuchten Spezialfällen auf eine allgemeine Theorie geschlossen wird. Oder aber man geht den umgekehrten, deduktiven, Weg und erklärt spezielle Phänomene über die Anwendung einer allgemeingültigen Theorie. Idealerweise besteht eine enge Wechselwirkung zwischen Induktion und Deduktion, immer aber sind es nur diese zwei Wege, die wissenschaftlichem Denken offenstehen! Nun steht man aber als Wissenschaftler,wie im Fall der HPNV nicht selten vor der Aufgabe, Aussagen über zukünftige Zustände oder Ereignisse zu treffen. Doch da sind die Möglichkeiten der großen Wissenschaft plötzlich sehr Beschränkt. Man behilft sich mit der Fortschreibung gegenwärtiger Trends (ein rein mathematischer Ansatz), versucht Wahrscheinlichkeiten zu berücksichtigen (ebenfalls rein mathematisch) und schielt auf Vergleichbares in der Vergangenheit oder Gegenwart. Jedem anderen Ansatz wird das Prädikat des wissenschaftlich Korrekten abgesprochen.

Und eben hier liegt der Grund, warum die HPNV nicht geeignet ist, die Welt ohne uns zu beschreiben: Die HPNV kennt keine Zufälligen Ereignisse, keine Naturkatastrophen, keinen Kampf zwischen Lebewesen, kein ewig sich bildendes, fortentwickelndes Ganzes, dem ein Teilchen – der Mensch – entrissen wurde. Sie kennt nur Indikatorpflanzen, Reliefenergie, PH-Werte, Niederschlagsmengen – und jenen einen, wann auch immer eintretenden, Zustand des Fertigen Bildes – der Natürlichen Vegetation. Wenn es einen wissenschaftlichen Ansatz gäbe, der sich als geeigneter erwiesen hätte, so wäre die HPNV längst in der Versenkung verschwunden. Aber heutige Wissenschaft lässt derartiges Denken nicht zu!

Doch genau in hier, in diesem Punkt liegt der geniale Ansatz und die große Chance dieses Theaterprojektes. Das Theater, ja die Kunst überhaupt, kann da ansetzen, wo Wissenschaft an ihre Grenzen stößt! Nicht diese verneinend , übergehend, sondern auf ihr aufbauend, ihre Ansätze und Fragment gebliebenen Erkenntnisse zu einem Ganzen formend, das mindestens ebenso berechtigt ist, ein Bild der Zukunft und Gegenwart zu malen wie eine wissenschaftliche Methode. So grundverschieden der Ansatz dieser beiden Welten auch sein mag, so nahe sind sich doch ihre höheren Absichten. Es ist deswegen auch vollkommen sinnlos, die eine über die andere Stellen zu wollen. Beide haben ihre Berechtigung, beide ihre ganz eigenen Methoden, aber nur da wo sie zur echten gegenseitigen Bereicherung gelangen, wird die Methode vollkommen und das letztendliche Ziel erreicht.

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